Wachstum böse – Marktwirtschaft gut

Zur Kritik der Postwachstumsökonomie
Vortrag | Referent: Peter Bierl | MACH-Festival 2017 | Sa., 8. Juli, 19.30 Uhr

Bescheibung

Die fortschreitende Zerstörung der Biosphäre in Verbindung mit der sozialen Krise hat eine neue Strömung in der Umwelt- und globalisierungskritischen Bewegung hervorgerufen, die Degrowth-Bewegung oder Postwachstumsökonomie. Ihre Vertreter halten den Grünen und den Umweltverbänden zu Recht vor, dass deren Idee eines Green New Deal gescheitert ist: Der Verbrauch von Energie, Rohstoffen und Land steigt ebenso wie der Ausstoß von Giften und klimaschädlichen Substanzen. Bloß kehren weite Teile dieser Degrowth-Bewegung nur zum Ausgangspunkt zurück, der Wachstumskritik der 1970er-Jahre. Sie reflektieren so wenig wie ihre Vorläufer den Zusammenhang mit der Dynamik des Kapitalismus und staatlicher Herrschaft. Selbst die Vorstellung einer Überbevölkerung, die den alten Ökofaschismus im Stil von Konrad Lorenz prägten, taucht bei manchem Postwachstum-Fan wieder auf.

Schon der Begriff Wachstumskritik ist ähnlich Globalisierungskritik eine Kampfansage an die Analyse der Weltmarktkonkurrenz und eine Zumutung für kritisches Denken. Beispielhaft dafür ist Nico Paech, der die Debatte in Deutschland dominiert. Er steht für eine kulturpessimistische Position, orientiert sich an obskuren Zinslehren, kooperiert mit der konservativen ÖDP und ließ sich von dem Verschwörungsideologen Ken Jebsen interviewen. Paech plädiert für einen regionalen Subsistenz-Kapitalismus mit zinslosem Geld. Er ist insofern typisch, als viele Postwachstums-Ideologen glauben, die Dynamik des Kapitals ließe sich auf eine überschaubare, lokale Wirtschaftsform zurückstutzen, in der es total fair und ökologisch zugeht. Sie missverstehen Kapitalismus als Werk skrupelloser Banker und Börsianer und Ausfluss menschlicher Gier, womit sich Schnittpunkte zu völkischen Positionen ergeben. Dabei geht es um ein Strukturprinzip. Die Konkurrenz kennzeichnet jede Marktwirtschaft und zwingt jeden Unternehmer, »bei Strafe seines Untergangs«, Gewinn zu machen und zu reinvestieren, um nicht von anderen Firmen überholt, ruiniert oder aufgekauft zu werden. Wachse oder weiche lautet das Prinzip.

Peter Bierl

Der Journalist Peter Bierl wird in seinem Vortrag die Postwachstumsökonomie und ihre Grundlagen analysieren und Ansätze für eine emanzipatorische politische Ökologie vorstellen.
Bierl ist Autor von „Grüne Braune: Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts“ (Unrast-Verlag 2014), „Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell“ (Konkret-Verlag, 2012) sowie „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik“ (Konkret, 2005).